Autismus

Unter Autismus, oder genauer der sog. Autismus-Spektrum-Störung, wird eine tiefgreifende Entwicklungsstörung verstanden. Diese bringt Auffälligkeiten in der Sprache, der Kommunikation sowie der sozialen Interaktionen mit sich und geht oft mit eingeengten Interessen („Spezialinteressen“) und Aktivitäten einher. Das Autismus-Spektrum erstreckt sich von leichten, kaum merklichen Besonderheiten, welche eine Diagnose sogenannter „autistischer Züge“ einer Person nach sich ziehen können bis hin zu starken Einschränkungen, welche lebenslange Betreuung nach sich ziehen, wie dies oft bei frühkindlichem Autismus der Fall ist.

Bis vor 20 Jahren wurde Autismus als äusserst seltene Krankheit betrachtet. Neue Untersuchungen haben aber gezeigt, dass die Zahl der Betroffenen weitaus grösser ist, als bisher angenommen. Allein in der Schweiz beläuft sich die Zahl auf rund 50’000 Personen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum – Tendenz steigend. Erfreulicherweise geschieht in den letzten Jahren ein Wandel weg von der Betrachtung des Autismus als Krankheit oder Störung hin zu dem, dass Autismus eine besondere Art der Wahrnehmung darstellt. Die Stiftung autismuslink geht in der täglichen Klientenarbeit ebenfalls von diesem Betrachtungsansatz aus. Der Fokus der Stiftung autismuslink liegt auf der Begleitung von Menschen mit der Diagnose Asperger-Syndrom oder Hochfunktionaler Autismus.

Der Begriff Autismus kommt aus dem Griechischen und bedeutet „sehr auf sich bezogen sein“. Menschen mit Autismus nehmen aufgrund ihrer anders verlaufenden Vernetzungen des zentralen Nervensystems (besonders im Bereich der Wahrnehmungsverarbeitung) sich und die Welt anders wahr. Sie haben vor allem Schwierigkeiten, Bedeutungen und Regeln innerhalb von Kommunikation und sozialem Verhalten zu erkennen. So bleibt die Welt für sie oft unverständlich, überwältigend und angstauslösend.

Da visuelle, taktile und auditive Reize von Menschen mit Autismus bedingt durch ihre Sensibilität und aufgrund der allgemeinen Schwierigkeit, Reize filtern zu können, oft stärker empfunden werden, kann schnell eine unangenehme Reizüberflutung entstehen, welcher oftmals nur durch das Aufsuchen eines ruhigen und reizarmen Raumes entgegengewirkt werden kann.

Für die Diagnose Autismus müssen Auffälligkeiten in drei Bereichen vorhanden sein:

 

Kommunikation
z.B. verspätete oder fehlende Sprachentwicklung, oftmals Missverständnisse in Gesprächen, monologartiges Sprechen, wenig Sprachbetonung.

Viele Menschen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum haben Schwierigkeiten, bei Gesagtem mehr als nur die reine Wortbedeutung zu verstehen. Das „Zwischen den Zeilen lesen“, also dem Gesagten Botschaften auf anderen Ebenen als nur der reinen Sachebene entnehmen zu können, kann oft schwer fallen. So kann es beispielsweise vorkommen, dass WIE etwas gesagt wird, nicht berücksichtigt wird – dies kann wiederum vom/n der GesprächspartnerIn falsch aufgenommen werden und Missverständnisse können schnell entstehen. Auch werden Emotionen meist tendenziell eher wenig erkannt, was dazu führt, dass auch keine oder eine geringe Reaktion darauf auftritt. Überdies klingt die Stimme von Menschen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum oft eher gleichförmig, es ist wenig Sprachmelodie oder Betonung zu erkennen. Auch dies kann beim Gegenüber im Gespräch Irritation und Missverständnisse auslösen.

Die Kontaktaufnahme zu Umwelt via verbale Kommunikation kann eine weitere Hürde darstellen. Vor allem im Ausbildungs- oder Arbeitsumfeld wird meist vorausgesetzt, dass man sich bei Fragen bei der Ansprechperson meldet und auf diese zugeht – geschieht dies nicht, so sind wiederum Missverständnisse vorprogrammiert. Vielen Menschen mit Autismus fällt es jedoch leichter schriftlich beispielsweise via Mail oder SMS zu kommunizieren, als dies verbal zu tun – solche Kommunikationswege zuzulassen, kann für alle Beteiligten sehr hilfreich sein.

 

Soziale Interaktion
z.B. Besonderheiten in Blickkontakt, Mimik und Gestik. Wenig Interesse an anderen Menschen oder ungeeignete Formen der Kontaktaufnahme, fehlendes Verständnis für Abläufe in Gruppen.

Der fehlende Blickkontakt als Kleinkind stellt oft eine der ersten Besonderheiten dar, welche Eltern an ihrem Kind, welches später eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum erhält, feststellen. Überdies stellt er eine der in der Gesellschaft bekanntesten Besonderheiten des Autismus dar. Bei manchen Menschen mit dieser Diagnose zieht sich der fehlende Blickkontakt bis ins Erwachsenen-Alter hindurch. Blickkontakt wird oft als sinnlos betrachtet, da er für Menschen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum keine wirklich nützlichen Informationen enthält. Gesichter werden dabei im Gehirn wie Objekte verarbeitet – die Besonderheiten in der Mimik fallen den meisten Menschen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum kaum oder nur wenig auf. Beim Gegenüber ohne Autismus können Missverständnisse auftreten, der fehlende Blickkontakt wird oft als Desinteresse wahrgenommen. Aus diesem Grund haben viele Menschen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum im Laufe ihres Lebens gelernt, Blickkontakt dennoch halten zu können, um so der gesellschaftlichen Norm zu genügen. Das Halten des Blickkontaktes wird jedoch oft als sehr anstrengend und unangenehm beschrieben.

Das Interesse an anderen Personen ist bei vielen Menschen mit Autismus nicht besonders ausgeprägt, da sich ihnen das soziale Miteinander, bedingt durch das erschwerte Erkennen von Mimiken, Emotionen, unterschwellig Gesagtem etc.  nur schwer erschliesst. Es gibt jedoch viele Menschen mit einer solchen Diagnose, welche durchaus interessiert an Anderen sind, dieses Interesse mangels sozialer Bekanntschaften jedoch nicht ausreichend ausleben können – das Bilden von Freundschaften beispielsweise fällt vielen schwer. Wieder andere haben jedoch durchaus auch grössere Kollegenkreise und/oder sind in sozialen Berufen tätig.

Das gesellschaftlich akzeptierte und normierte Verhalten in Gruppen und sozialen Situationen zu erlernen, geschieht bei den meisten Menschen mit Autismus nicht einfach „nebenbei“, sondern stellt eine bewusste Handlung dar. Diese erfordert die bewusste Auseinandersetzung mit der Thematik, beispielsweise das Erlernen von Kommunikationsregeln. Hier kann ein Sozial- und Kommunikationskompetenz-Training, wie es die Stiftung autismuslink anbietet, hilfreich sein.

Eingeengte und repetitive Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten
z.B. Intensive Faszination für bestimmte Themen oder Gegenstände, die vom Umfeld oft nicht nachvollzogen werden können.

Viele Menschen mit Autismus haben besondere Interessenfelder, denen sie sehr viel Zeit widmen und in welchen sie wahre Experten sein können. Diese Spezialinteressen sind für das Umfeld oft nicht nachvollziehbar, können aber ebenso dazu dienen, Vorhersehbarkeit entstehen zu lassen und den Anteil an Unbekanntem zu verringern. Wenn diese Spezialinteressen jedoch in einem Gebiet angesiedelt sind, welches im beruflichen Umfeld von Nutzen ist, so können Menschen mit Autismus aufgrund ihres Expertenwissens besonders bereichernde ArbeitnehmerInnen sein.

Diese starken und oft sehr eingeengten Interessenfelder lassen sich zu einem gewissen Teil jedoch erklären: Menschen mit Autismus reagieren oft sensibel auf Veränderungen. Für manche sind es nur grössere Veränderungen, wie beispielsweise eine Veränderung des gewohnten Tagesablaufs, die schwierig sein können, auf andere können wieder um schon kleine Dinge, wie nicht den gewohnten Stift am Arbeitsplatz vorzufinden, beunruhigend und verunsichernd wirken. Alltägliche Handlungen laufen meist bewusst und ritualartig ab – wenn unvorhergesehene Veränderungen auftreten, können diese zu „Chaos“ im Kopf führen, da viele Menschen mit Autismus dann in der Kürze der Zeit keine alternativen Strategien entwickeln können.

Aus diesem Grund können Verhaltensweisen und Abläufe, welche sich wiederholen und vorhersehbar sind (eben unter anderem auch beispielsweise die Beschäftigung mit immer demselben Interessenfeld), auf Menschen mit Autismus beruhigend, Sicherheit vermittelnd und vor allem stressabbauend wirken. Weitere selbstbestimmte beruhigende Verhaltensweisen, wie beispielsweise Umherlaufen oder auch bestimmte Körperbewegungen, wie zum Beispiel leichtes Schaukeln, bilden überdies ein Repertoire an Möglichkeiten für Menschen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum, sich selbst Sicherheit zu geben und sollten nicht durch das Umfeld unterdrückt werden, wenngleich in manchen Fällen eine Umleitung in andere Verhaltensweisen, welche das Umfeld nicht beeinträchtigen, sinnvoll sein kann.

Besonderheiten

Für Arbeitgebende, Lehrpersonen und anderes Fachpersonal ist es wichtig, diese Besonderheiten der Personen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum zu kennen und zu berücksichtigen, um Erfolgserlebnisse möglich werden zu lassen.

 

Theory of Mind

Eine Besonderheit, welche Menschen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum aufweisen, sind meist wenig ausgeprägte Theory-of-Mind-Kompetenzen. Unter der Theory of Mind (ToM) versteht man die Fähigkeit einer Person, sich vorstellen zu können, was in einer anderen Person vorgeht – also was beispielsweise deren Gefühle, Absichten, Meinungen oder auch Erwartungen sind. Wenn diese Fähigkeit nicht oder nur wenig ausgeprägt sind, kann es im Alltag immer wieder zu Schwierigkeiten und Missverständnissen kommen. Eine Person mit Autismus ist häufig darauf angewiesen, dass ihr Gegenüber seine Gefühle, Absichten, Meinung und Erwartungen konkret ausspricht – geschieht dies nicht, was im Alltag meist der Fall ist, so wird das Gegenüber schwer einschätzbar. Dies löst bei Menschen mit Autismus m meist Unsicherheit aus,  aus welcher oft Überforderung folgen kann.

Wird diese Besonderheit der wenig ausgeprägten ToM-Kompetenzen jedoch berücksichtigt, so gewinnt die Person mit Autismus  Sicherheit und einer Überforderung wird vorgebeugt – so kann sie auf ihre Ressourcen zugreifen und bessere Leistung erbringen. Im Rahmen des Sozial- und Kommunikationskompetenztrainings sowie des Coachings unterstützt die Stiftung autismuslink bei der Weiterentwicklung der ToM-Kompetenzen.

Exekutive Funktionen

Auch im Bereich der Exekutiven Funktionen liegen bei Menschen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum oft Besonderheiten vor. Unter Exekutive Funktionen versteht man die Fähigkeit, das eigene Verhalten in Bezug auf die Umwelt steuern zu können. Hierunter fallen u.A. die Fähigkeit, Ziele zu setzen die Handlungsschritte für deren Erreichung zu planen, Hindernisse auf dem Weg zur Erreichung zu berücksichtigen, Prioritäten setzen zu können und schlussendlich das Ergebnis der eigenen Handlungen zu evaluieren und allenfalls das eigene Handeln korrigieren zu können. Des Weiteren stellt die bewusste Steuerung der Aufmerksamkeit u.A. eine weitere Exekutive Funktion dar.

Schlussendlich ermöglichen funktionierende Exekutive Funktionen ein adäquates Zeitmanagement, Selbstdisziplin und die Fähigkeit, Pläne in die Tat umzusetzen. Funktionierende Exekutive Funktionen erleichtern den (Arbeits-)Alltag also stark. Wenn sie nun jedoch nicht optimal ausgeprägt sind, wie das bei den meisten Personen mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum der Fall ist, muss viel Energie investiert werden, um Strategien zu entwickeln, diese Fähigkeiten kompensieren zu können. Die Stiftung autismuslink unterstützt im Rahmen des Coachings bei der Entwicklung dieser Strategien.